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Malt euch den Namen auf die Jacke – Minol-Pirols! Über das authentische Prosa-Punk-Debüt des Shanghai DrengersKategorie: Kultur, Bücher Berlin, Deutschland (Weltexpress). „Der Himmel über der Stadt strahlte in sattem Blau. Weiter drüben, zum Fluss hin, segelten schreiend ein paar Möwen. Feurio verteilte Zigaretten an die Trinker, die sich tagsüber am Brunnen trafen. Die Verkäuferin am nahen Kioks beugte sich gelangweilt aus dem kleinen Fenster der Holzhütte und rief irgendetwas Unverständliches herüber. Lachend antworteten ihr die Saufbrüder.“Benny und seine Clique stromern durch eine Stadt an einem großen Fluss. Es ist das letzte Jahr der untergehenden DDR. Kurz vor Jahresende 1988 setzt die Geschichte ein, eine Handvoll Jungs und zwei Mädchen, die wir mit ihnen kennenlernen, sind auf der Suche nach Freiraum, persönlicher Verwirklichung. Sie sind laut, bunt und unhöflich – sie sind Punks. Dass in der DDR Individualismus oder gar ein Leben als Punk alles andere als erwünscht war, wissen wir längst. Brauchen wir im Jahre 2015 einen Roman, der noch einmal die Subkultur und ihre Probleme in einer Diktatur heraufbeschwört? Die Antwort lautet: Ja! Was Shanghai Drenger in 177 Seiten hermetischer Prosa schafft, ist eine Momentaufnahme. Ein Stück authentischer Geschichtsschreibung, die mehr aussagt, als manch dicker Wälzer zur Diktatur-Forschung. Sprachlich dicht bei seinen Protagonisten erzählt „Minol-Pirols“ von den Monaten kurz vor dem Fall der Mauer. Von einer erstarrten Gesellschaft, dem grauem Alltag in einer Industriestadt. Eine Kneipe heißt bei Shanghai „Stahlwerker“, ein Club „VEB Pharma“ und die Stadt selbst Rothenfeld. Die Eltern sind überfordert oder gewalttätig. Polizei, Lehrmeister und Lehrer verlangen Linientreue und Einheitslook. Doch ein paar Jugendliche begehren auf. Benny, Dirk, Paula, Sabine, Feurio, Eckard und Jaschka besetzen ein leerstehendes Hinterhaus, nennen es „Scholle“. Gemeinsam renovieren sie, verteilen Zimmer und Möbel, feiern und träumen. Und haben endlich einen Auftritt mit ihrer Band Minol-Pirols. Wie in vielen Städten und Gemeinden der DDR bot auch in Rothenfeld die evangelische Kirche Schutzraum und Spielstätte für Punks und ihre Bands. Benny, Alter Ego des Autors, vor dem ersten Auftritt der Minol-Pirols: „Jetzt ist der Moment, auf den wir so lange gewartet haben, endlich den Frust rauslassen, der sich überall angestaut hat, auf Arbeit, zu Hause bei den Alten, auf der Straße und bei den Aktionen wie zuvor. Endlich der Wut freien Lauf lassen! Und alle sollen sich den Namen auf die Jacken malen! MINOL-PIROLS!“Mit den Jugendlichen, zwischen siebzehn und neunzehn Jahre alt, erleben wir die Wahlfälschungen der DDR im Mai 1989 mit, die Niederschlagung des friedlichen Protestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China - und die Ausreisewelle. Bleiben oder Gehen, auch bei den Punks ein zentrales Thema. Als sich die Lage zuspitzt, werden die Bewohner der Scholle zum Verhör geholt, zermürbende Stunden im Stasi-Knast folgen. Die Stimmung im Land brodelt und auch in Rothenfeld formieren sich die ersten Montags-Demos, die Staatsmacht fährt ihre Garde auf. Wie geht das für die kleine Clique aus? Spannend und immer rasanter führt uns Shanghai Drenger den Seifenblasentanz eines zerplatzenden Landes vor. Wer verrät wen? Und wer liebt wen mit welchen Hoffnungen, Aussichten? Wer wird morgen noch da sein?Dem 1967 geborenen und in Magdeburg flügge gewordenen Autor gelingt es, sich von seiner eigenen Biografie fort zu schreiben und doch ganz nah dran zu bleiben. Selbst wegen seiner Liedtexte und einem Aufruf zum Boykott der Arbeiterfestspiele in Magdeburg 1986 verhaftet und weggesperrt gewesen, formt er aus seinem Schicksal und dem seiner Freunde eine universelle Geschichte, die berührt. Mit seiner Band Vitamin A/Anti X stand Drenger auf manch Kirchen-Bühnen und brüllte vom Altar, besetzte den Stasi-Knast in Magdeburg mit, der noch heute als Jugendzentrum Andersdenkende behaust und arbeitet seit mehr als zehn Jahren beim freien Sender Radio Lotte Weimar. Seit 2008 als dessen Chefredakteur. Radio Lotte berichtet übrigens durchgehend detailliert und kritisch vom NSU-Prozess. Ein Lob an den Klak Verlag für die punkig pirolgelbe Gestaltung des Büchleins mit passenden Fotos aus Halle/Eisleben Mitte der 80er.Fazit: Ein Buch aus dem Herzen des gelebten Punk! Wir erwarten Fortsetzungen!Lassen wir Benny das letzte Wort: „Ich will leben, dachte Benny, ich will gut sein und ich will böse sein, wenn mir danach ist. Ich will einfach nur leben!“* * *Shanghai Drenger, Minol-Pirols. Leben, und nicht leben lassen. Roman, 177 Seiten, Klack Verlag Berlin, Juni 2015, ISBN 978-3-943767-38-4, Preise: 12,90 € [D], 13,30 [A]Von: Anne Hahn für weltexpress.de



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