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Sie heißen Benny, Jaschka, Eckard, Sabine, Paula, Popel, Dirk, Gina und Feurio. Einige von ihnen wollen die Welt mit Punkmusik verändern, andere das Land verlassen. Sie eint der Mut zum Widerstand gegen festgefügte Normierungen und der Wille, frei zu leben. Sie leben in der Endzeit der DDR und Shanghai Drenger hat ihnen eine Art Denkmal gesetzt.„Shanghai“ in Weimar vorzustellen, hieße im Kulturstädtchen die sprichwörtlichen Eulen in die griechische Hauptstadt zu tragen. Den meisten Einheimischen wird er durch Radio Lotte bekannt sein, wo er seit Jahren als Redaktionsleiter arbeitet. Doch seine persönliche Geschichte beginnt zwischen Magdeburg und Halle, wo er als Sänger einer Punkband erste künstlerische Erfahrungen sammelte. Satirische Kurzgeschichten und poetisch verdichteten Reflektionen politischen Geschehens zeigen einen langen Atem seiner literarischen Arbeit, die stets von dem Anspruch nach Wahrhaftigkeit geprägt ist. Seit dem 22. Mai 2015 ist nun Drengers Buch „Minol-Pirols“ in die Läden gekommen. Und es war das Verdienst der Weimarer Thalia-Buchhandlung, dem Autor vor einer Woche ein erstes öffentliches Podium zu bieten. Drenger schreibt aus eigenem Erleben und gibt damit einem repräsentativen Querschnitt der DDR-Punkszene abseits des hauptstädtischen Zentrums eine Stimme. Schon 1984 gab es eine kurze erzählerische Roman-Vorlage, welche durch ihre inoffizielle Vervielfältigung Bestandteil einer Anklage durch die DDR-Staatsanwaltschaft wurde. Benny, die Hauptfigur des Romans ist eine Art Alter Ego des Autors. Im Gegensatz zu Clemens Meyers Erfolgsbuch „Als wir träumten“ schreibt Drenger aber nicht in der Ich-Form. Das schafft eine gewisse Distanz, lässt aber dadurch auch Raum für Analyse. Benny ist Fabrikarbeiter im fiktiven Friedberg, wo er mit seinen Bandkollegen ein Haus besetzt. Später kommen Paula und Sabine hinzu, letztere durch traumatisches Erleben sexuellen Missbrauchs durch den Vater. Drenger beschreibt viele durch staatliche Gängelpraxis gebrochene Biografien mit einer klaren, fast unverstellten Sprache. Dirk ist Bennys bester Freund. Die Haltung der Beiden zum Ausreiseantrag von Dirks Partnerin Gina geriert zur zentralen Frage des Buches: Bleiben oder Gehen? Dabei lässt sich Drenger in der Konfliktentwicklung viel Zeit, um die Beweggründe und philosophischen Ansichten der Punks gründlich zu durchleuchten. Das geschieht oftmals dialogisch, und erzeugt durch diese literarische Form hohe Authentizität. Die Zerrissenheit zwischen Lebensanspruch, erzwungener Anpassung und kleinkriminellen „Beschaffungen“ endet oft in kollektiven Besäufnissen. Aber das besetze Haus, die „Scholle“, wird zum alternativen Entwurf des Daseins. Im Untergrund organisierte Konzerte mit Unterstützung kirchlicher Kreise, wie dem Sozialarbeiter Pit und der „Gemeinen Gemeinde“ führen unweigerlich zur Konfrontation mit der Staatsmacht, welche durch Gewalt und subtile Verhöre unbarmherzig ihre Waffen zeigt. Drenger schreibt das Ganze nicht als Leidensgeschichte. Sein Roman ist eher ein Plädoyer für kraft- und phantasievollen Protest, der in heutigen Zeiten so rar geworden ist. „Minol-Pirols“ ist zugleich ein lebenspralles zeitgeschichtliches Dokument. Es gibt berührende Geschichten: von der alten Frau, die schon unter den Nazis Mut zum kleinen Widerstand fand. Oder dem Pfarrer, der das Transparent trotz Stasidrohung nicht vom Kirchturm abhängt. Damit setzt Drenger leise, aber bestimmt den Unangepassten ein Denkmal und trägt zum Korrektiv einer allzu oft einseitigen Geschichtsschreibung bei. Sicher hätte der Roman ein gründlicheres Lektorat verdient. Stilistische Fehler, sprachliche Doppelungen und wenige gestelzte Formulierungen schmälern allerdings nur minimal den Gesamteindruck einer in sich geschlossenen großen Erzählung. Wer Zeit und Szene aufmerksam erlebt hat, wird sich bei den „Minol-Pirols“ sicher wiedererkennen. Für die Anderen ist es Geschichtsunterricht der lebendigen und nachvollziehbaren Art. Shanghai Drenger „Minol-Pirols. Leben und nicht leben lassen.“Klak-VerlagISBN 978-3-943767-38-412,90 €Rezension von Matthias Huth für FB/Weimarer Bürgerportal



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