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Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung, 27.1.2010Auch beim Plöttner Verlag gibt es eine eigene kleine Reihe, in der Debütanten zu Wort kommen. Jüngste Neuerscheinung in der Reihe ist Shanghai Drengers "Der Insasse". Ein Bändchen Kurzgeschichten. Oder besser: kurzer Geschichten.Die Keimzelle der kleinen Sammlung ist die Titelgeschichte, die auf einer eigenen Erfahrung des 1967 in Teterow geborenen Autors beruht: Seine Verhaftung 1986 durch die Staatssicherheit. Anlass dafür: Texte, die er für die Punkband "Vitamin A" geschrieben hatte. Dafür wurde der Straßenbahnfahrer, Sänger und Gitarrist ein Jahr lang ins Gefängnis gesperrt. Vom Texte schreiben hat er sich danach erst recht nicht abbringen lassen, hat auch mit einer neuen Band - "Anti-X" - gerockt und später am Leipziger Literaturinstitut studiert. Seit 2002 ist er Redakteur und Moderator beim Radio Lotte in Weimar.Seinen Sammelband hat er in fünf Kapitel geordnet. "Der Insasse" steckt in Kapitel 5, "Fernweh-Programm", in dem auch ein paar Reiseskizzen stecken und die Geschichte eines Mannes, der von seinem Balkon aus die Tristesse einer verlassenen Straße beobachet - "Asphalt". Nicht die einzige Geschichte über einsame Menschen. Sie scheinen Drenger besonders zu beeindrucken – ihre Verzweiflung in der Weihnachtszeit, ihr Versuch, die sieben Tage der Woche zu bewältigen, ihr Unvermögen, das eigene Leben zu organisieren.Es ist ein kleines Panoptikum der Einsamkeiten – vom k.u.k.-Ladenbetreiber, der sein Geschäft nur öffnet, weil er hofft, dass Leute vorbeikommen, die ihm etwas erzählen wollen, über Svenja, die in ihrer Mansardenwohnung sitzt und sich wundert, wo die großen Träume geblieben sind, bis zu Bernd Häwelmann, für den das Rennrad fahren zur einzigen Lebensobsession wird – bis er selbst zur Rennmaschine wird.Das Beklemmende: Eigentlich sind es Nicht-Geschichten, Geschichten über Mitmenschen, denen nichts mehr geschieht, weil sie selbst nicht mehr teilhaben am Geschehen. Ihr Leben tickt im Kreis, jeder für sich eine echte Leibnizsche Monade. Und das Überraschende: Gerade die spät im Band auftauchende Geschichte "Der Insasse" wirkt dagegen lebendig, ist voller Zuversicht, Selbstgewissheit und getragen von der unüberlesbaren Überzeugung: Hier kommst du wieder raus. Und dann ...Dann und wann blitzt der Humor auf in Drengers kurzen Geschichten, etwa wenn er von einer alten Dame erzählt, die erstmals allein ins Ausland verreist und auf der Rückfahrt an der Grenze hängen bleibt, weil sie eine Stange Zigaretten nicht verzollen will. Eine Geschichte, die wie so viele in diesem Band eher eine Parabel ist oder eine kleine moralische Abhandlung, wie man sie auch von Bertolt Brecht kennt, den Drenger zu seinen Lieblingsautoren zählt. Wohl nicht von ungefähr. Er liebt diese kleinen moralischen Botschaften, diese kleinen einsamen Fundstücke aus einer Zivilisation der Einzeller, die im Grunde auf nichts mehr warten, sich über nichts mehr wundern und auch keine Lust haben, sich auf etwas Verbindlicheres einzulassen als einen Abend auf dem Futon, eine Flasche Alkohol und das Nachdenken über eine dämliche Wortmarke wie Nichtsdestotrotz. (Ein Wort, das schon ärgerlich macht, wenn man es hört: Wer ist für solchen sprachlichen Unsinn eigentlich verantwortlich? Und wer nimmt diesen Müll mit der verschämten Entschuldigung "umg." auch noch in die Wörterbücher auf?)Man hat ja Mitleid und könnte mit den Beatles beim Umblättern immer wieder seufzen: "All the lonely people!" – Aber irgendwie ist das Problem bei den Monaden: Sie sind zu ewiger Bewegungslosigkeit verdammt und damit eigentlich höchst ungeeignet für das, was man ursprünglich mit Geschichten meinte: Dinge, die geschehen. Klar, man versteht schon, dass das Leben da draußen schrecklich ist, meist auch noch schrecklich verwirrend. Manchmal ist es nur die Perspektive oder die Uhrzeit, die den Menschen zur Monade machen: "Keiner da zum Erzählen. Das Radio hört nicht zu. Alles ist schlecht. Alles ist trostlos. Zum Glück habe ich mich."Das sind die letzten Sätze aus der letzten Geschichte im Band. In der auch nichts geschieht. Das Problem dieser modernen Einsamkeit ist nicht neu. Daraus hat schon Raymond Carver seine "Short Cuts" gebaut – mit einem kleinen listigen Seitenblick auf ein bestimmtes Milieu, das er wohl geliebt haben muss wie der Hund seinen Gummiknochen: die piefige amerikanische Mittelklasse.Deswegen schwingt in seinen Geschichten immer ein bisschen Bosheit und Unheil mit. Man spürt, dass dieser Traum in Farbe, Auto und Eigenheim nicht gut ausgehen kann. Aber es wird nicht gleich passieren. Oder doch?Man möchte jeder kleinen Monade so ein nettes "Oder doch?" ans Herz legen. Und dann könnte die Geschichte beginnen ...



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